Begrenzung und Auflösung

Bilder von Dirk Sommer in der VP-Galerie

Äußerst expressiv dominiert ein kräftiges Blau den Bildraum, eine diffuse, fast skurrile Bewegung vorstellend, faltet sich diese Farbform aus, versucht hie und da die Bedingtheit der Leinwand zu sprengen. Dazwischen gewahrt man aber recht schnell die eigentliche Gegenspannung, nämlich rote fenster- oder türähnliche quadrierte Konturen, die einen Rahmen ziehen gegen die Kraft des Blau. In einigen Bildern entsteht derart eine kompositorische Ruhe, in anderen werden diese Begrenzungen inhaltlich-thematisch zu einer virtuellen Möglichkeit. Aber auch dort, wo das Blau sich unabhängig davon in seiner Wirksamkeit aufzulösen beginnt, entwickeln sich Aussagesequenzen, Einblicke, vermittelt durch eine detaillierte Farbenstruktur. In weiteren Bildern wird das expressive Blau durch pastöse grün-blau-graue Mischungen ersetzt, die Begrenzungskonturen wandeln sich hier in teilweisem Übergang zu Schwarz oder verlieren ihre Geradlinigkeit zugunsten eines oszillierenden Strichaufbaus.

Konzentrationen ergeben sich darüber hinaus in einigen Arbeiten durch spontane, undiskursive Strichführungen, die sich immer wieder anhäufen, um sich anschließend zu verlaufen; dabei kommt der kompositorischen Aussparung ein bedeutungstragendes Merkmal zu; die Abstraktion legt den Blick fest auf diese Farb-Form-Strategie - die inhärente Dynamik erweist sich hier als aussagekräftiges Moment.

Der Außenraum des Innenraums: diese Malerei vollzieht einen psychogrammatischen Übersetzungsakt. Nicht im Sinne einer écriture automatique, sondern als Versuch einer Darstellung einer grundsätzlichen menschlichen Dialektik. Das Überfließen seelischer Empfindungszustände kann nur durch die Erfahrung gegebener Grenzen korrigiert werden. Was, einerseits überwunden werden muß, ist andererseits notwendig zur Bewahrung des Individuums - die Facetten dazwischen sind schwankend. Die Malerei der Abstraktion entspricht häufig der Konkretion des Ich.

Kultur Joker, Freiburg, 09. April 1992, m.p.

Bei diesem Galerierundgang überzeugt am meisten die Malerei Dirk Sommers in der Freiburger VP-Galerie. Seine grau-blauen Bilder besitzen eine atmosphärische Leichtigkeit in der kräftige Markierungslinien oder Schraffuren einen Halt bieten. Das skizzenhaft Zeichnerische erinnern an Grund- oder Aufrisspläne zu Gebäuden der Phantasie. Galerist Eugen Proba spricht von einer "lebendigen, riesigen Kulisse, in der wir uns, wenn wir in die Bilder hineingehen, wie Grenzgänger fühlen. Auf Schritt und Tritt", so Proba, gibt es rätselhafte Vorgänge: Licht und Schatten gehen ineinander über, man weiß kaum zu sagen, wo man sich eigentlich befindet, ob man es mit Realitäten oder Illusionen zu tun hat.

Badische Zeitung Donnerstag, 9. April 1992 / Nr. 84