Ein Frühlingstag im Central Park

Kleine, vor den eigentlichen Bildraum gelegte "Kritzeleien" ziehen den Betrachter als erstes in Bann. Dunkle, energisch gezogene Linien, die sich über die intensive Farbenpracht und den kraftvollen, freien Pinselschwung der abstrakten Bilder von Dirk Sommer legen.

Beim näheren Hinschauen verleiten die zeichnerischen Elemente dazu, als Interpretationshilfe der gegenstandsfreien Malerei des Künstlers genutzt zu werden. Denn neben frei erfundenen Zeichen und Strukturen bilden sich skripturale Elemente heraus, aber auch Stadtprospekte und Architekturdetails von Köln bis New York. Sogar die kantigen Pyramidenformen der mexikanischen Mayas sind zu entdecken. Assoziationsketten entstehen fast automatisch beim Betrachter. Vom Künstler nach eigenem Bekunden gewollt, jedoch nicht bewußt gesteuert.

Rund 40 solcher großformatigen Gemälde des 1954 in Darmstadt geborenen, in Düsseldorf und Freiburg ausgebildeten Künstlers sind zur Zeit in der Braunschweiger Galerie Jaeschke zu sehen. Keines davon trägt einen Titel; die Geschichte ihres Entstehens, die Inspirationsquellen des Künstlers erschließen sich dennoch. Dirk Sommer verarbeitet in seinen abstrakt-expressionistischen Arbeiten Impulse, die er durch Reisen nach Südamerika, seine Aufenthalte in seiner zweiten Heimat New York und der Auseinandersetzung mit alten Kulturen erhält. Ohne rationale Kontrolle und niemals in der Art eines naturalistischen Abbildes gibt er Stimmungen, Situationen, Licht, Farbe und Landschaftsstrukturen wider.

Malen ist für ihn ein "Befreiungsakt". Ganz im Sinne des amerikanischen, von Jackson Pollock geprägten ,Action Painting" setzt er auch die Farbe spontan und unwillkürlich auf die Leinwand. Im zweiten Arbeitsschritt entsteht das wiederum an Pollocks Landsmann Cy Twombly erinnernde Linienspiel, das Sommer als direkte Sprache seiner Bilder über das Gemalte legt. Der Auslöser dazu war die Faszination Sommers für Zeichen- und Bildersprachen der alten Ägypter und Mayas.

In der Braunschweiger Ausstellung ist diese originelle Vermischung zweier an sich völlig widersprüchlicher Techniken und Ausdrucksweisen am konsequentesten in einem 1996 entstandenen Gemälde Sommers umgesetzt; auf einer in ihrer Farbgebung auf helle, intensiv leuchtende Grüntöne reduzierten Bildfläche ist in der rechten Ecke dominant eine Schriftzeichenliste plaziert. Skylines, Graffitis, Straßenlampen, Wolkenkratzer reihen sich schwungvoll aneinander. Stimmung, Farbe und Bildsprache fügen sich sofort zu einem Thema: ein Frühlingstag im Central Park.

Braunschweiger Zeitung, 16. April 1998, von Michael Pape