"Horizontlinie" von Dirk Sommer

 

Schloss Auerbach - von Eva Schumann-Bacia


Wir stehen hier auf Augenhöhe mit einer schier unendlichen Reihe von Bildern, 167 an der Zahl, und sind von Dirk Sommer eingeladen, einer Erzählung zu folgen, einem Blick, der in die Weite geht. Er stellt uns ein beeindruckendes Panorama aus kleinen Breitformaten vor, bei dem wir die Möglichkeit des Erkennens dessen geboten bekommen, was man in der Ferne zu erahnen meint. Er zeigt uns Dinge entlang einer Linie, die den Horizont absteckt und bringt sie uns ganz nah. Ans Auge. Ans Gemüt.
Wie macht er das ? Wir folgen der von ihm skizzierten Möglichkeit und deuten die Zeichen, Striche, Farbflecken als Landschaften. Wir erkennen in der Anordnung von Farben und Formen eine ferne Horizontlinie, die einen Himmel von einer topfebenen Erdoberfläche trennt, sehen plötzlich einen Naturausschnitt darin, vielleicht ein Stück holländische Landschaft oder den Niederrhein?
Vielleicht prägt Landschaft, in der man aufwächst, ja wirklich den Menschen nachhaltig. Dirk Sommer kommt vom Niederrhein. Die Weite dort mit der entfernten Horizontlinie über flachen Wiesen, dieses "Superzeichen für Heimat", wie Dirk Sommer dazu sagt, erscheint in seinen Arbeiten immer häufiger, ja ist inzwischen der rote Faden, der das Werk zusammenhält. Man könnte also die Geschichte über Dirk Sommer so anfangen: "Der Knabe war klein und die Welt weit unter einem großen Himmel über der flachen Erde".
Aber nicht nur die entfernte Horizontlinie ist etwas, was den Künstler an seine Heimat und uns an Landschaftserfahrung schlechthin erinnert. Welthaltigkeit bergen auch die Zeichen, etwa von Weinkrug und Flasche, die hier und da aus der Tiefe des Horizonts herangezoomt werden. Wir erkennen sogar eine Figur, etwas zwischen dem Geist Gottes, der über den Wassern schwebt und dem Geist aus der Flasche, der sich vor unseren erstaunten Augen zusammensetzt und Gestalt annimmt wie im gleichnamigen Märchen der Gebrüder Grimm.

Dirk Sommers mit Zeichnung unterwanderte Malerei hat etwas Zauberhaftes! Der Zauber liegt in ihrer Leichtigkeit. Denn das Materielle der Ölfarbe und des Bleistiftstrichs sucht mit leichter Hand, im Kölschen würde man sagen: aus "de la main" seinen Weg auf der Bildfläche, hinterlässt Zeichen wie Gedankensprünge. Es tun sich in kleinen Inseln von Gegenständlichkeit Assoziationsfelder auf. Zeichnung verbindet die Inseln von Farbe. Der scheinbar ungelenke Umriss eines Gegenstands, eines Hauses, einer Kirche erinnert zwar an Kinderzeichnung, ist aber in seiner Flüchtigkeit eher Ausdruck für Erinnern an erste Eindrücke. Und als traue Sommer den Bildern dieser Erinnerung nur zögernd, ist der Strich wie suchend und konzentriert sich mitunter in kritzelhaftem Auf- der- Stelle- Treten. Und die Farbe setzt auf dem weiten Horizont Akzente in einer Vielfalt und Schönheit, die man nicht für möglich gehalten hätte!
 
Vielleicht sind die zwei Semester an der Kunstakademie Düsseldorf zur Zeit von Joseph Beuys ein Grund dafür, dass Sommer so frei im Umgang mit den Gattungen verfahren kann, dass hier die Malerei und die Zeichnung so locker kombiniert sind und dass er Monochromie, Ornament, pastosen und dünnflüssigen Farbauftrag frei assoziierend handhabt. Und das alles ganz "theoriefern", wie er ausdrücklich betont!
Dass der Horizont weit ist, sagt nicht, dass es einfach ist. In Bezug auf die Zeichnung, die Dirk Sommer in New York anfertigen will, heißt es in seinem Tagebuch: "Irgendwie muss es ja gehen. Am Ende sieht es dann so leicht und schnell aus, sehr luftig, dass sogar ich mir selber kaum noch vorstellen kann, dass der Weg dahin ein langer ist" (New York, Sommer 1997).
Vor den "Horizont" schiebt sich "Die Wand" wie ein Stolperstein, den man interessiert und neugierig umlaufen kann, umrunden muss, will man wieder zum Horizont gelangen! Klaus Merkel stammt aus Heidelberg, vor seinem Blick waren sozusagen immer Berge, zumindest Hügel angeordnet...und wir empfinden die Wand aus Bildern, die er im Dachgeschoss aufgerichtet hat, steilaufragend und monumental wie eine Eigernordwand der Kunst!