Positionen

Kalenderblätter und Künstlerköpfe BBK Ausstellung mit
Cristina Ohlmer, Sven Daemen und Dirk Sommer

"Vor großen Werken und Künstlern Ehrfurcht fühlen und glücklich sein", lesen wir auf einem Kalenderblatt zum 17. November. Sinn? oder Leitspruch sowie Kalenderblatt sind Teil der Installation "Nulla dies sine linea" (kein Tag ohne Linie) von Cristina Ohlmer. Die Ausstellung "Positionen" des Berufsverbands Bildender Künstler Südbaden, in der neben Ohlmer auch Sven Daemen und Dirk Sommer vertreten sind, scheint dieses Motto zu spiegeln: Um das Wesen der Kunst geht es ? ganz unbescheiden. In drei verschiedenen Positionen wird nach dem gefahndet, was uns Glück oder Ehrfurcht empfinden lässt: nach dem Sinn in der Kunst!

Die "linea" Cristina Ohlmers durchbohrt den Raum der Städtischen Galerie im Freiburger Schwarzen Kloster. Das heißt: Ein dünner, vertikaler Metallstab endet unter der Decke und am Boden in kleinen quadratischen Spiegeln, wird so zum Teil eines "unendlichen Bildes der Kunst" und über den Galerieraum hinaus verlängert. Das große Ganze, worauf hier verwiesen werden soll, mag sich in der Summe der alltäglichen "Leitlinien" manifestieren, die sich als Künstlerstatements auf Abreißblättern dann zu Füßen des Kalenders wiederfinden.

Einer der Ohlmerschen Sinnsprüche ?"Leicht sein, um besser fliegen zu können" (15. November) ? kommentiert mit ungewollter Ironie die Installation "Der Mensch ist nur ein Klumpen Zeit" von Dirk Sommer. Seine großformatigen Bilder und Fotografien, ebenso die Reihe teilweise bearbeiteter Alltagsobjekte, sind alles andere als leicht und erschließen sich nur mühsam. Die bedeutungsschwangeren Titel ? "wie klein wir sind, wissen doch alles" etcetera lassen den Arbeiten nur wenig Raum zur Entfaltung. Dies um so mehr, als gerade die Malerei mit gestisch?gewischter Mischtechnik und kryptischen Zeichen allzu sehr im Ungefähren raunt. Im Gegensatz zur Malerei gelingt es den nüchternen und streng inszenierten Objekten schon eher, suggestive Kraft zu entfalten. Wie jenes auf einem hohen Podest liegende Buch, das den Blick des Betrachters von den geweißten Seiten ablenkt, um ihn durch ein Loch in den dunklen schwarzen Sockel zu führen...

Sven Daemens "Position" nimmt die gesamte Länge und Höhe der Eingangswand ein: 250 "Kleine Künstlerköpfe" aus braunem Gießharz ? leider keine Schokolade ? erinnern an 60er?Jahre?Nippes. Bei näherer Betrachtung entpuppen sich die Köpfe als mehr oder weniger exakte Porträts von dreizehn berühmten Künstlern. Von Michelangelo über Dürer bis Warhol oder Beuys, wird hier die gesammelte Kraft der abendländischen Kunstgeschichte vereint, um zu einer einförmigen Kitsch? Masse zu verschmelzen. Die Kunstheroen finden sich zu banalen Konsumgegenständen degradiert, deren Individualität in der Masse der Köpfe verloren geht. Sinn entsteht in der Dekonstruktion, dem Zerlegen ästhetischer Strukturen und Codes. Die Fragwürdigkeit von Sinn und Bedeutung als Kriterium und Stimulans zeitgenössischer Kunstproduktion findet hier eine einleuchtende Form. (Städtische Galerie Schwarzes Kloster Freiburg)

Badische Zeitung, 05. September 1995, Martin Engler