"Rüben rein am Niederrhein"

Heimat ist für mich kein Ort. Meine Frau und meine Tochter denken genauso wie ich. Dort, wo wir uns wohlfühlen und wo Kunst ist, dort ist unsere Heimat. Unsere Heimat ist in uns". Das sagt Elmar Bude, Direktor des Wallraff-Richartz-Museums in Köln, und damit spricht er auch dem Maler Dirk Sommer ein bisschen au der Seele. Aber für Sommer ist Heimat auch eine ganz bestimmte Region, der Niederrhein. Da ist er aufgewachsen, diese Landschaft, "dat platte Land", hat er mit ihren Farben, Gerüchen, Geräuschen und dem weit aufgespannten Horizont in sich aufgenommen. "Heimat" ist für ihn die Visualisierung dieser Landschaft, in ganzen Serien von Bildern versucht er, sich ihr zu nähern. Vom kleinen Rechteck bis zur großformatigen Leinwand steht das flache Land im Blickfeld, mal als zweidimensionaler, ausgefranster Fleck, der eine Wiese andeutet oder als scheinbar perspektivisches Farbflächen-Panorama, in dem das gezackte "M" des Kölner Doms der Gegend seinen Stempel aufdrückt.
Seine Bilder stellt Dirk Sommer in der Katholischen Akademie aus, aber "Heimat", dieser schwammige, sentimentale, nicht greifbare Begriff soll auch in anderen Annäherungen griffiger werden. Renate Heyberger hat Menschen wie Elmar Budde interviewt, die ihre eigene Sicht – eine andere kann es nicht geben – auf die Heimat darlegen. Oft sind es persönliche Erinnerungen oder bekannte Zeichen in der Landschaft, die Heimat ausmachen: Pappelalleen, Hochöfen, die Zylinder des Schützenvereins oder einfach das Bier in der "heimischen" Kneipe. " Der Niederrhein ist eine karge, unspektakuläre Landschaft, wo schon Kleinigkeiten auffallen", sagt Dirk Sommer.
Für "Heimat" kann es kein Paradigma geben, die Verbindungen und Assoziationen sind bei jedem Menschen individuell verschieden. Insofern werden auch Sommers Heimat-Bilder uch im Schwarzwald Bilder vom Niederrhein bleiben. Aber gerade dadurch können sie auch den Blick weiten auf ein Verhältnis zur Heimat, das ohne Goldrahmen und nostalgisch verbrämte Seufzer auskommt. Sommer hat ein leichte Verhältnis zu einen Bildern. Das spricht aus den teils leuchtenden, teils pastelligen Farben, und aus seinen Zeichnungen , die in die Bilder miteingeflossen sind. In schnellen Strichen erkennt man dort eine kleine Eisenbahn, Inbild der "Rübenkampagne" während der Ernte, und wie als augenzwinkender Befehl für Kopf und Hände steht darunter geschrieben "Rüben rein". Von dort ist es weit bis zur problemreichen deutschen Geistesgeschichte, aber eine Ausstellung über "Heimat" ohne sie zu machen, wäre ebenso fahrlässig. Deswegen versucht der Philosoph und Journalist Udo Marquard in einem Vortrag dem Begriff beizukommen, indem er historisch zurückgeht. Vor allem im Krieg war Heimat doch etwas, wo man gerade nicht war, in das man zurückwollte: "Nun ade, du mein lieb Heimatland!". Heimat war etwas, was Schutz gab, wie Nietzsche schreibt: "Die Krähen schrein/und ziehen schwirrend Flugs zur Stadt:/bald wird es schnein -/ wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!". Und später und immer wieder wird sie ideologisch benutzt, am Schlimmsten in nationalistischer Blut- und Bodenideologie. Als Reaktion darauf ist Heimat verdächtig geworden, wie bei Hilde Domin: "Gewöhn dich nicht/ Du darfst dich nicht gewöhnen/ Eine Rose ist eine Rose/ Aber ein Heim/ ist kein Heim." Könnte "Heimat" auch so etwas wie Utopie sein, ein Ort, mit dem wir nicht "schicksalhaft" verbunden sind, sondern zu dem wir idealerweise hinstreben? Eine Frage, die in Zeiten des allgemeinen Mobilitätszwangs aktuell ist, und die sich für viele Flutkatastrophengeschädigte dieser Tage in einem ganz anderen, viel praktischeren Zusammenhang stellt. Udo Marquard führt Blochs "Prinzip Hoffnung" an – Heimat als friedlicher Ort der "realen Demokratie", nach dem man immer auf der Suche ist – und stellt i Heideggers utopischer Erinnerung an seine badische Kindheit gegenüber.
Dirk Sommer wohnt seit einiger Zeit in der Nähe von Freiburg, sein Verhältnis zur Heimat ist ziemlich unideologisch. Ihm ist es wichtig, das er auch hier in der Nähe des Rheins leben kann, an dem Fluss, der weiter nördlich im Meereshorizont verschwimmt. Regelmäßig reist Sommer in die USA und denkt dabei oft an die Gegend, aus der er stammt: "Je weiter ich weg komme, um so eher habe ich das Gefühl, das ich wieder ins Rheinland zurück muss." Trotzdem möchte er nicht mehr dort leben. Vielleicht kommt man der "Heimat" am ehesten bei, wenn man sie aus der Distanz betrachtet.

von Karsten Umlauf, Kulturjoker 9, Freiburg, September 2002