Sehnsüchte müssen Farbe bekennen

Der Maler Dirk Sommer hat ein Atelier in New York,
das andere in Wolfenweiler

Seit September vergangenen Jahres hat ein renommierter Maler im Markgräflerland seine Staffelei aufgestellt. Sein Name: Dirk Sommer.

Heute in Köln, morgen gar in New York und übermorgen vielleicht schon wieder in seinem gerade erst neu eingerichteten Atelier - im ländlich-idyllischen Wolfenweiler. Von der Idee bis zur Vollendung seiner abstrakten Werke ist es oft ein weiter Weg. Dieser führt ihn meist nicht nur kreuz und quer durch seine Farbpalette, sondern nicht selten um die halbe Welt. Doch, wie er sagt, musste er sich bereits in früher Kindheit mit derlei Rastlosigkeiten abfinden. Zogen doch seine Eltern mit ihm nach dem Zweiten Weltkrieg von seiner Geburtsstadt Darmstadt über Düsseldorf nach Osterrath am Niederrhein. Obwohl er mittlerweile in Freiburg lebt, ist er mit seiner "Heimatregion" noch heute fest verwurzelt. Besonders verbunden fühlt er sich mit der Domstadt Köln, Hauptstandort von Sommers Vernissagen.

Stimulierender Gestank
Die Zentren seiner Bilder sind meist, euphorisch-farbenfroh akzentuiert. Doch impulsiv gesetztes Dunkel, blutrote Kleckse und unwirsche Kritzeleien erzählen von höllischem Schmerz und tiefen Wunden. Ecken und Kanten dominieren, harmonische Pinselschwünge machen sich rar. Seine Bilder verraten eine kritische Auseinandersetzung mit Licht und Schatten, Optimismus und Leere.

Anders sind sie nicht nur, weil sie keine Titel tragen. Anders sind sie auch, weil ihre Inhalte entweder erklärt oder kommentiert werden. Denn Dirk Sommer ist Maler, Zeichner und Texter zugleich. Als Dreh- und Angelpunkt seiner Inspiration hat er jedoch nunmehr vor zehn Jahren eine zweite Heimat favorisiert, die gegensätzlicher nicht sein könnte: New York City. Im pulsierenden Stadtteil Manhattan lässt er solch enervierende Störfaktoren wie Schmutz, Gestank, Hektik, Lärm lustvoll auf sich wirken: Ein ständiger Prozess der Verschmelzung von einer zeitweise als wohltuend empfundenen Weltstadtanonymität mit mittlerweile vertraut Gewordenem.

Geruchsverbindungen von gewöhnlichem Küchendampf und Autoabgasen können auf die Qualität seines Schaffens ebenso stimulierend wirken, wie der zeitweilige Verzicht auf elementarste Grundbedürfnisse: Eine Brise reiner Luft, ein Sonnenstrahl, der sich in der dumpfen Wolkenkratzerwelt verirrt hat, erhalten plötzlich eine völlig neue Dimension. Im "Big Apple" findet er all dies, was letzten Endes sein Schaffen ausmacht.

"Für mich war und ist New York immer wieder eine ganz andere Welt voller Erfahrungen", meint Sommer denn auch. Dass er die Chance nutzte, in der oftmals als "Welthauptstadt" bezeichneten City zu arbeiten, zeigt seine Mitwirkung bei einem Galeriehausprojekt im künstlerisch bedeutsamen Brooklyn. Doch auch hierzulande können sich seine Erfolge sehen lassen. Bereits 1996 konnte er in der Kölner Galerie Osper zusammen mit einer Texterin und einem Fotografen sein erstes Buch "Flugbewegungen" präsentieren.

Darin werden die Orte von Sommers Inspirationen samt der Bilder fotografisch wiedergegeben. Nur zwei, Jahre später erscheint sein persönliches Tagebuch über einen dreimonatigen Aufenthalt in NYC. Die in "Brooklyn Drawings" enthaltenen Impressionen werden eindrucksvoll von sozialkritischen Texten unterstrichen. Eine deutsche Ausgabe erschien im vergangenen Jahr.

Ehrlich wirkt er auch, als er meint: "Alle meine Bilder sind käuflich und haben ihren Preis. Mir geht es schon auch darum, mit dem Malen Geld zu verdienen. Viele Künstler behaupten immer wieder, wenn man seine Bilder an große Galerien verkauft, verkauft man seine Seele." Als Sproß einer Familie von lauter Wirtschaftswissenschaftlern kann er dieser Theorie kaum zustimmen. Demzufolge entwickeln nach Sommers Auskunft die Aufträge von gut betuchten Unternehmen eine unaufhaltsame Eigendynamik.

Das Geheimnis: der Tigermann
Jedoch betont er auch, dass sein Erfolg durch eiserne Disziplin bestimmt ist. Und zudem: Ein Arbeitstag bestehe auch bei ihm aus mindestens acht Stunden. "Den ganzen Tag kann ich mich meinem kreativen Beruf widmen", meint er stolz. Kostbare Zeit, die er demnächst auch damit füllen möchte, sein ureigenstes Heimatbuch zu gestalten, gespickt voll mit Anekdoten über die Menschen am Niederrhein.

Ob auch dieses Werk - wie alle seine Bilder - mit dem typischen Sommerschen "Tigermann"-Signet gekrönt und gezeichnet wird, bleibt abzuwarten. Das Geheimnis dessen Bedeutung jedenfalls war dem Künstler nicht zu entlocken.

Dirk Sommer: Brooklyn Paintings. Sternwald Verlag, 78 Mark

Der Sonntag in Freiburg, 12. März 2000, von Stephan Anspichler