Das Geheime Leben von Tünnes und Schäl

Zwei "kölsche Jungs" in New York – kann das gut gehen? Ein bisschen verloren und ein bisschen befangen wirken die großen Buben Tünnes und Schäl in der Weltstadt jenseits des Atlantiks. So hat es der Bielefelder Maler Wolfgang Loesche beobachtet und die Erlebnisse der Kölner Originale zusammen mit seinem Freiburger Kollegen Dirk Sommer aufgezeichnet und aufgemalt. Der Zyklus mit knapp 50 Werken "The secret life of Tünnes und Schäl" ist derzeit in der Josef-Haubrich-Kunsthalle in Köln zu sehen.
Anlass für die Bilderreihe ist der 200.Geburtstag des Hänneschen-Theaters", des ältesten Stockpuppentheaters in Köln, zu dessen Stammbesetzung der gemütlich-tölpelhafte Tünnes und der hinterlistige Gauner Schäl seit jeher gehören. Tünnes und Schäl sind volkstümlich derbe Figuren, was in den unzähligen Witzen mit ihnen aufscheint, die weit über Köln hinaus weitererzählt werden.
Volkstümliche Geradheit klingt auch in den Bildern von Loesche und Sommer durch. In Weltstädten wie New York geraten alle Passanten in einen Trubel von Zeichen, Anrufungen und Aufforderungen, in dem sich die Fremden leicht verlieren. Zum Glück für Tünnes lassen die beiden Künstler, die seine New-York-Erlebnisse malend dokumentieren, als Hoffnungszeichen immer wieder die charakteristische Flasche mit "Tünnes Beer" hervorscheinen, das es offenbar überall zu trinken gibt. Und New York hat glücklicherweise – wie Köln – genügend geeignete Hauswände, so dass der mächtig angeheiterte Nachtschwärmer Tünnes – wie zu Hause – das viele Wasser genüsslich wieder abschlagen kann.

Auf dem Gemälde mit dem Stehpinkler Tünnes lesen wir den auf andern Bildern wiederkehrenden Satz: "Save the mouse, eat the pussy" – ein typisch vulgärer Clo-Spruch, der von der Nachtseite der Großstadt mit ihren verlockenden Gelegenheiten zum Abenteuer kündet.


Aus dem "geheimen Leben" von Tünnes und Schäl decken Loesche und Sommer auch andere unbekannte, verborgene Begehrlichkeiten auf, die die beiden Schlingel – wie es ein fünfteiliges Gemälde bezeugt – gegen das Bärbelchen hegen, einer weiteren Hauptfigur aus dem Hänneschen-Ensemble. Alles bleibt jedoch ein Bildertraum. Erreichen kann keiner der beiden das Mädchen, das schließlich die Dauerverlobte des Hänneschen ist. Überhaupt, was zwischen den Geschlechtern in seinem Stammpersonal – ob legitim verbunden oder nicht – genauer passiert, darüber lässt das Puppentheater am Eisenmarkt sein Publikum diskret im Unklaren.

Loesche und Sommer haben öfter schon Plakate für das "Hänneschen-Theater" gestaltet. Loesche unterhält neben seinem Bielefelder Atelier ein weiteres in Köln; der Freiburger Dirk Sommer besitzt ein Atelier in New York, in dem Loesche häufig zu Gast ist. Die Zusammenarbeit der Maler ist ungewöhnlich, denn sie stellen nicht eigene Bilder zum Thema nebeneinander, sondern sie malen die Bilder wortwörtlich gemeinsam zusammen.

Ein New Yorker Straßenerlebnis führte sie zu einer zündenden Bildidee, aus der sich die Serie über das "geheime Leben" der beiden Kölner Jungs entwickelte. Sie beobachteten einmal auf New Yorks Straßen einen Mann, der einen Einkaufswagen vor sich her schob, in dem er leere Bier- und Cola-Dosen sammelte. Der Mann ging auf hochhackigen roten Pumps, trug einen zerschlissenen Mantel und auf dem Kopf eine Bischofsmütze. Dieses New Yorker Original kehrt auf den Bildern wieder.
Dort sehen wir auch Schäl zusammen unter einem Schirm mit einem Rabbi, Tünnes vor Hochhäusern oder am Broadway. Realistische Stadtbilder malen Loesche und Sommer nicht. Sie lassen sie in faszinierenden Farbräumen mal hervorstechen, mal verblassend in die Tiefe davon treiben, was im Bewusstsein eines Passanten ebenfalls mal hervorsticht und schnell wieder verblasst, wenn er durch die Springflut der schrillen Reize driftet, die eine Weltstadt aussendet: Häuserzeilen, Silhouetten, Leuchtreklamen, Straßenschilder, Werbetafeln, Telefonnummern, Autos, fremde Menschen, Lichter.
Und weil man stets erinnernd etwas mitbringt, wo man herkommt, ist auch der Kölner Dom in den auf den Bildern sichtbar gewordenen Gedanken von Tünnes und Schäl immer gegenwärtig.


Neue Westfälische, 31. Dezember 2001, von Manfred Strecker